SONNTAG, 10. Oktober2004, 23:05. - 23:45, Ö1

KUNSTRADIO - RADIOKUNST






Bild: Horizontal Radio, 1995

Re-Inventing Radio II / Historische Serie:
Radio als Ort, Kontext und Gegenstand von Kunst
Teil 6 - Kommunikationsapparate

Eine 7-teilige Serie im Ö1-Kunstradio und bei Kunstradio on line.
Sendegestaltung: Andrea Sodomka
Regie: Elisabeth Zimmermann
Technik: Robert Korherr

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http://stream.sil.at:7562/content/2004B/MP3/10_10_04.mp3


Das Internet und die vernetzten Projekte der 1990er Jahre

Anfang der 1990er Jahre trat eine zweite Generation von Telekommunikationskünstlerlnnen an das Kunstradio heran und brachte ein neue Form von Kommunikation in das Medium Radio ein, das sich fast ausschließlich zum Einwegmedium entwickelt hatte: Keine hierarchische, von oben verwaltete Struktur, sondern eine horizontale, gleichberechtigte.

Nach dem Modell früher Telekommunikationsprojekte produzierten Künstlerinnen, temporär miteinander vernetzt und ihren technischen Möglichkeiten entsprechend, Radio in allen möglichen Erscheinungsformen. Es war nun möglich, simultane telematische Radioprojekte zu realisieren - und zwar nicht nur aufgrund der technischen Entwicklung, sondern auch dank neuer Konzepte und vor allem dank der Praxis dieser Kunstformen. In der Folge organisierte und betreute das Kunstradio zusammen mit einer wachsenden Zahl an Partnerorganisationen eine ganze Reihe solcher Projekte, in die KünstlerInnen wie Isabella Bordoni, Andres Bosshard, Martin Breindl, Seppo Gründler, Horst Hörtner, Norbert Math, Roberto Paci Daló, Martin Schitter, Andrea Sodomka, Gerfried Stocker und Mia Zabelka involviert waren.

Von der rasanten technischen Entwicklung im Telekommunikationsbereich profitierte ein Projekt, das kurz nach der Einführung des www im Jahr 1994 realisiert wurde:
"State of Transition - ein telematisches Live-Radio Event" verwendete erstmals Internet und Radio, um die an zwei Orten (die Neue Galerie in Graz und die V2-Studios in Rotterdam) vorhandenen Bild-, Ton- und Text-Ressourcen miteinander zu vernetzen und auszutauschen bzw. im Internet weltweit zugänglich zu machen. Erstmals wurde die Interaktion von www-UserInnen konzeptuell in ein Projekt miteinbezogen: Die Bewegungen und Aktionen der UserInnen innerhalb einer Hypertext-Area bei "State of Transition" on-line lösten in den Live-Settings in Graz und Rotterdam unterschiedliche Klangereignisse aus. Diese fanden wiederum Eingang in die Live-Sendung von Ö1 Kunstradio. Inhaltlich konzentrierte sich dieses Live-Radioevent auf einen Themenknoten, der Phänomene wie Migrationsbewegungen, Verkehrswege, Einwanderungsquoten, Transiträume, Grenzüberschreitungen und Übergangsstadien aller Art umfasste.

Konzipiert und realisiert wurde "State of Transition" von Sodomka/Breindl, x-space, Gerfried Stocker, Horst Hörtner und Norbert Math.

Kunstradio On Line

Kunstradio On Line wurde 1995 von KünstlerInnen als Kunstprojekt gegründet. KünstlerInnen oblag seither auch stets die Gestaltung der Kunstradio Homepage. "Radio zum Anschauen" war der erste Slogan, den die KünstlerInnen dafür verwendeten, denn zu diesem Zeitpunkt war der Zugang zu Soundtechnologien noch sehr beschränkt; dies sollte sich allerdings noch im selben Jahr ändern als für Interessierte in aller Welt erste Soundfiles on-line gestellt wurden. Sehr bald schon gab es im Netz auch ganze Sendungen, wenig später folgte "Webradio" (samt Webcams).
Diese Technologien, der Zugang und der Umgang mit ihnen ist nun seit Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden: Kunstradio On Line ist seit 1995 selbst zu einem wichtigen historischen Dokument der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Internet und seinen Technologien und zugleich zu einem einzigartigen, stetig wachsenden on line-Archiv einer innovativen internationalen Radiokunst geworden.

Horizontal Radio (1995)

Das erste umfassende Kunstradio On Line-Projekt war "Horizontal Radio", an dem 14 öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten auf 24 Kanälen, zahlreiche unabhängige Radiostationen weltweit, 24 Städte in Europa, Israel, Australien, Kanada und Tasmanien mit Installationen, Performances, Konzerten und Lesungen sieben Internetserver sowie ein Real Audio-Server und weit über 200 KünstlerInnen, LiteratInnen, MusikerInnen und KomponistInnen beteiligt waren.
In Österreich beteiligten sich die Ars Electronica 95 in Linz und das ORF Landesstudio Innsbruck mit on site-Beiträgen.

Die Ars Acustica Gruppe der EBU

Erstmals beteiligte sich auch die Ars Acustica Gruppe der European Broadcasting Union (EBU), die weltgrößte Vereinigung nationaler Radiostationen, an solch einem vernetzten Projekt. Die Mitglieder dieser Gruppe sind Redakteure und Redakteurinnen von Radiokunstproduktionen in öffentlichen Rundfunkanstalten in Europa, Nordamerika und Australien. "Ars Acustica International" ist ein Knotenpunkt für den Austausch von Informationen im Bereich der Theorie und Praxis einer Radiokunst in den verschiedenen Mitgliederländern sowie für die Realisierung von Koproduktionen.

Durch die Anlehnung an die Zeitstruktur des Projekts "Die Welt in 24 Stunden" von 1982 bezog sich das 24 Stunden dauernde live Radio- und Internetprojekt auch ausdrücklich auf die Pionierzeit der Telekommunikationskunst.
Neu war, dass es kein Zentrum gab, von dem aus die Ereignisse in alle Welt übertragen wurden, ganz im Gegenteil waren hier alle Stationen zugleich Sender und Empfänger. Alle Beteiligten – KünstlerInnen, Internet-UserInnen, RadiohörerInnen sowie das Publikum vor Ort – nahmen ihre jeweils ureigene Version einer sich ständig verändernden, in ihrer Gesamtheit nie und für niemanden fassbaren Skulptur wahr.

Die Funktion der KünstlerInnen und der veränderte Begriff der Autorenschaft

Bei Projekten dieser Art treten KünstlerInnen in erster Linie als InitiatorInnen, OrganisatorInnen und KommunikatorInnen auf. Sie entwickeln eine vernetzte Situation, in der sich alle TeilnehmerInnen gleichberechtigt einbringen können. Die Gesamtgestalt des Projekts, dessen ästhetische Ausformungen und Inhalte entziehen sich der Kontrolle der InitiatorInnen, die zu somit Ko-AutorInnen werden.
Alle Daten, Sounds, Texte und Bilder, die in das "Horizontal Radio"-Netzwerk eingespeist wurden, konnten von allen TeilnehmerInnen als Material bearbeitet und verändert werden. Herkömmliche Werkbegriffe und traditionelle Autorenschaften verlieren in solchen vernetzten Situationen an Bedeutung.

"Horizontal Radio" umfasste – wie eine Anthologie – ein sehr weites Feld der Radiokunst: Eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen der künstlerischen Beschäftigung mit dem Medium Radio wurde praktiziert, von Soundscapes über Tonbandkompositionen bis zu telematischen Simultan-Events oder aus dem Internet gesteuerten Klängen.
Für die Dokumentation von "Horizontal Radio" musste ebenso eine neue Struktur gefunden werden, da eine Dokumentation mit konventionellen Mitteln der Gleichzeitigkeit und Vielfältigkeit, eben der horizontalen Struktur dieses vernetzten Projekts nicht gerecht werden konnte. Rupert Huber, ein Musiker, der immer wieder eine wesentliche Rolle in den vernetzten Projekten der 1990er Jahre spielte, wurde eingeladen, für Kunstradio aus dem Material der Klangereignisse zwei Sampling-CDs zusammenzustellen.

Rivers&Bridges (1996)
on air - on line - on site

In der Folge initiierte die Ars Acustica Gruppe der EBU 1996 das Projekt "Rivers&Bridges", das in Österreich als Koproduktion von TRANSIT, Ars Electronica und Ö1 Kunstradio realisiert wurde.
Beiträge, die spezifisch für das Internet oder für Internet und Radio entwickelt wurden, standen im Mittelpunkt. Ab nun trugen die vernetzten Projekte auch den Untertitel "on air - on line - on site", was auf die Realisierung in verschiedenen Medien und Orten hinwies.
Kunstradio On Line streamte erstmals ununterbrochen 18 Stunden lang. Auf den Frequenzen von über 30 Radiostationen wurden on air-Beiträge und Versionen von "Rivers&Bridges" gesendet. Erstmals waren die Radiostationen über Satellit miteinander verbunden, wie überhaupt das Projekt als Testlauf für viele neue Technologien diente.

Live Interaktionen wie die Simultanperformance "Marconi's Gap" zwischen der Proton Group in Helsinki und Matt Thomson und Rex Brough in London fanden ebenso statt wie Konzerte in öffentlichen Räumen und Textperformances im Internet. Akustische Postkarten wurden verschickt und Grenzflüsse bespielt, wie bei Elisabeth Schimanas Projekt "Die Fuge" an der Grenze zwischen der Slowakei und Österreich.

Der Wissenstransfer zwischen KünstlerInnen und TechnikerInnen

Ö1 Kunstradio strahlte einen "Rivers&Bridges"-Mix von Gordan Paunovic via Real Audio Stream live in alle Welt aus. KünstlerInnen erkannten, dass Streamingtechnologien es ermöglichten, sich von den Sendezeiten und Leitungsnetzen der grossen Rundfunksender zu emanzipieren und als Folge verloren die grossen Institutionen immer mehr an Bedeutung. Umso intensiver wurde jedoch der Wissenstransfer zwischen rundfunk-internen ExpertInnen, TechnikerInnen inner- und außerhalb der Rundfunkstationen sowie KünstlerInnen als ExpertInnen. Die Suche nach adäquaten Lösungen für komplex vernetzte Projekte führte zu einem regen Austausch von Know how zwischen den unterschiedlichsten Knotenpunkten. ORF-Techniker wie Gerhard Wieser, Hans Soukop, Harald Domitner, Martin Leitner, Anton Reininger, Karl Petermichl u.a. waren an vielen dieser Prozesse sowie an der Realisierung zahlreicher Projekte beteiligt.

Aufgrund ihrer inhaltlichen, formalen wie technischen Komplexität erforderten solch vernetzte Projekte völlig neue Strategien. Sie können nur dann sinnvoll umgesetzt werden, wenn eine Kommunikation zwischen allen beteiligten Kräften – von der Konzeption, Organisation, Gesprächsführung, künstlerischer und technischer Gestaltung bis hin zur Aufführung – stattfindet. KünstlerInnen obliegt dabei die Aufgabe, eine Matrix zu entwickeln, welche die kreativen Kräfte aus allen Bereichen einbindet.

Dieses (veränderte) Selbstverständnis des Künstlers / der Künstlerin ist keines, das ursächlich mit realen technischen Netzwerken wie dem Internet zu tun hat oder etwa daraus entstanden ist. Sich als Teil eines interagierenden Systems zu begreifen (und nicht als SchöpferIn) existiert als Idee seit dem Zeitpunkt, als KünstlerInnen mit diesen Technologien zu arbeiten begannen. Das Entscheidende war die Schaffung einer vernetzten Situation, in der aus Kommunikation via "ästhetischer" Handlungen eine Community entstehen würde.

Recycling the Future (1997)
on air - on line - on site

Bereits 1997 wurde das nächste grosse Kunstradio On Line-Projekt realisiert.
In vier Teilen und in Form von Symposien, Performances und Installationen zu einer Theorie und Praxis der Radiokunst fand "Recycling the Future" an verschiedenen Orten statt.

Teil 1 fand im Rahmen der documenta X in Kassel statt: Zehn Tage lang zeichnete Kunstradio für das Programm des dortigen "hybrid workspace" zuständig. Hierfür installierte das Kunstradio-Team einen multimedialen Kommunikationsraum mit Radio und Internet-Equipment in der Orangerie in Kassel und vernetzte diesen mit anderen Orten und Partnern weltweit, u.a. mit den KünstlerInnen Christof Migone und Robert Jocelyn aus Kanada.
Der zeitliche Rahmen dieser Projekte wurde zusehends ausgedehnt; bei "Recycling the Future" wurde tagelang rund um die Uhr gestreamt, was die Einbindung von Maschinen und Rechnern in einen teilweise automatisierten Ablauf erforderte. Ansätze einer generativen Kunst entstanden. Performances von KünstlerInnen wurden immer mehr durch Installationen ersetzt. Maschinen übernehmen die Arbeit der Menschen.

Ein Beispiel hierfür ist das Projekt "Resonator" von Volker Christian, Horst Hörtner, Norbert Math, Gerold Muhr und Heimo Ranzenbacher, das im zweiten Teil von "Recycling the Future" realisiert wurde, und zwar in on air - on line und on site-Versionen. Die Auswertung seismischer Daten von Erdbeben weltweit generierte bei "Resonator" eine Live-Klanginstallation im Internet, im Radio sowie an realen Orten.

"Recycling the Future 3" fand großteils im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit Radio Lada im Rahmen des Festivals L'Arte dell' Ascolto in Rimini und San Marino statt. Organisiert wurde es von der Künstlergruppe Giardini Pensili, Roberto Paci Dalò und Isabella Bordoni.

Bei "Recycling the Future 4" erklärten Bruno Beusch und Tina Cassani mit ihrem Projekt "TNC Network", dass an die Stelle der Autorität des Autors über ein Werk das trete, was sie mit dem Begriff "gemeinsames Prozess- und Data-Management" umschreiben. Beusch/Cassani vernetzen ihre Konzepte mit unterschiedlichsten Situationen, Kontexten und PartnerInnen, von Online-Communities bis hin zu Jugendsendern.

Neben unzähligen Performances, Installationen und Vorträgen, die bei "Recycling the Future 4" zum 10jährigen Bestehen des Kunstradios stattfanden, wurde auch ein Geburtstagskonzert der "Kunstradio All Stars" organisiert, an dem viele KünstlerInnen teilnahmen, die in den letzten 10 Jahren wichtige PartnerInnen für das Kunstradio geworden waren, u.a. Sam Auinger, Andres Bosshard, G.X. Jupitter Larsen, Bernhard Loibner, Bob Ostertag, Jon Rose und Scanner.

Immersive Sound (1998)
on air - on line - on site

"Immersive Sound" wurde als Live-Installation zwischen Adelaide (Australien), Linz, Vancouver und Wien im Rahmen von KUNST IN DER STADT II realisiert und setzte hierfür ein halbautomatisches, generatives System – den sogenannten "Soundpool" von Winfried Ritsch – ein.
In den Soundpool konnten Klänge eingespeist werden, wodurch ein künstlicher Kompositionsraum für Klangdaten geschaffen wurde, der allerdings unabhängig vom Eingriff seiner Quellen existieren sollte. BenutzerInnen konnten jederzeit sehen, welche Klänge vorhanden waren, welche neu gespeichert worden waren oder erzeugt wurden.
Der Künstler Winfried Ritsch erklärte, der Soundpool sei einem Aquarium als abgeschlossener Lebensbereich vergleichbar. Der Mensch hat dabei die Funktion des Pflegers und des Betrachters.

Dieser Soundpool speiste mit automatisierten Real Audio-Streams teilweise auch ein Live-Webradio, das das Ausstellungsradio mit seinen täglichen Mixes zu KUNST IN DER STADT ergänzte.

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