MERZmuseum - Hank Bull

Diese Aufnahme dokumentiert einen Live-Webcast mit Teilneh-merInnen aus aller Welt. Jeder Beitrag bestand aus einem Audio-Stream, der von Kurt Schwitters' Lautgedicht "Ursonate" inspiriert war. Die Veranstaltung fand im Rahmen eines Kurt Schwitters-Symposions im September 1999 in Ambleside (Cumberland) statt und wurde über das Kunstradio des ORF sowie verschiedene andere Sender weltweit ausgestrahlt.

Das Ganze ist eine Collage. Eine Toncollage, aber auch eine Collage aus Menschen, ästhetischen Positionen und Geschichten. Es gibt keine EinzelautorIn und keinen fixen Rahmen. Statt dessen hört man Fragmente, die ihrerseits wieder Teil eines breiter gestreuten Feldes sind. So ist mein Ort in dieser Collage ein anderer als Deiner; es kann aber gut sein, dass wir uns irgendwo und irgendwann in dieser Collage begegnen.

Seinen Anfang nahm diese Collage mit einem Projekt, das Art Barns [Kunstscheune] hieß – einer von Littoral organisierten Kollaboration zwischen KünstlerInnen und Schaf-züchterInnen in Lancashire, England. Dieses Projekt war durch Kurt Schwitters inspiriert, der seine letzten Lebensjahre im Lake District verbrachte, nur ein paar Meilen entfernt von Grasmere, der legendären Heimstatt von Wordsworth. Nicht weit von dort realisierte er seine letzte Arbeit MerzBarn, die mit seinem Tode unvollendet blieb. Art Barns sollte auch die Gründung eines Kurt Schwitters-Museums in Cumberland samt angeschlossenem Studienzentrum unterstützen.

Denkt man an Schwitters und gleichzeitig an Museen, denkt man an die ganze Vielfalt seines Werkes, und wie es über jeden Rahmen hinauswächst, die Wände erklimmt, in Töne zerfällt, zu Text wird (seine veröffentlichten Schriften füllen mehrere Bände), zu Performance, Architektur, Installationen, Experimenten mit neuen Technologien und (am radikalsten von allem) zu traditioneller Staffeleimalerei – dann wird schnell deutlich, dass kein normales Museum diese Vorstellungswelt einigermaßen adäquat repräsentieren kann. Die Werke, die er hinterließ, sind in jedem Fall nur Spuren. Das einzige Museum, das Schwitters gerecht werden kann, ist ein Museum, das die Energie seiner Imagination erschließt und freisetzt, eines, bei dem das Publikum eine entscheidende Rolle in der Re/Produktion des Werkes übernimmt. Das einzige Museum, das diese Art von Erfahrung ermöglicht, also die Verbindung von Visuellem, Sound, Performance, Text und schöpferischer Kollaboration ist das Internet. So ist die Idee für das MERZmuseum als interaktives, virtuelles Museumsnetzwerk entstanden.

Im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Kunstradio sowie einem internationalen Netzwerk von KünstlerInnen wurde das Projekt SCHWITTRADIO geboren. Eine zentrale Website bot den ZuhörerInnen den Timetable und die Links zu den Streams. Einige TeilnehmerInnen verwendeten ihre Sounds untereinander, um Duette und Neumischun-gen zu produzieren. Außerdem wurden sämtliche Beiträge in Wien gesammelt und per Zufallsprogramm vom Computer neu gemixt.* Sogar der Titel der Arbeit änderte sich abhängig vom lokalem Kontext.

Es besteht also eine gewisse Unsicherheit, was den Titel, aber auch was die Autorschaft über das Werk und die Frage seines Framing anbelangt. Die Grenze zwischen AutorIn und Publikum ist verwischt. Das Werk ist amorph, kein Objekt, sondern ein Kontext, eine Atmosphäre ohne klar gezogene Grenzen.

Es existiert eine Aufnahme, bei der Schwitters die "Ursonate" liest. Sie dürfte aus den 40er Jahren stammen, aber ihre Echtheit steht in Frage. Ist es wirklich seine Stimme? Oder nicht die seines Sohnes? Von wann stammt die Aufnahme? Und wenn es sich um eine Fälschung handelt, was ist dann mit früheren Aufnahmen von Schwitters? Aufnah-men, die in Deutschland existieren, die aber noch immer ihrer Veröffentlichung harren, trotz weitgehender Katalogisierung seines Werkes und all dem Rummel, der darum gemacht wird. Vor dem Hintergrund dieser ganzen Ungewissheiten ist SCHWITTRADIO entstanden. Die Frage nach der mangelnden Authentizität wird zu einer Frage nach dem Verhältnis der Arbeit zu ihrem Publikum. An jedem Netzwerkknoten bekommt man einen anderen Mix zu hören, weil die Streams zu unterschiedlichen Zeiten eintreffen und sich in unvorhersehbarer Weise mischen. Man schickt seinen Stream los, aber ohne Garantie, was daraus wird. Man behält die Eigentumsrechte, aber nur auf einen Teil des Werkes im Sinne einer kollektiven Autorschaft über eine kreative Zone. Und was ist mit den Rechten der ZuhörerInnen?

Kurt Schwitters hatte keine Verwendung für das traditionelle europäische Bildvokabular mit Perspektive, Hell-Dunkel und Zeichnung. Im Zeichen von MERZ schuf er ein neues Vokabular. Er entlieh sich Bilder und Gegenstände aus der Welt, zerteilte sie, ver-doppelte sie, wiederholte und kombinierte sie, um daraus unvorhersehbare poetische Formen zu schaffen. Diese technische Revolution bereitete die Bühne für eine Vielzahl von Kunstformen, die der Asche des Zweiten Weltkriegs entsteigen sollten. In aller Klarheit sah Schwitters auch die absurden Kombinationen und Gegensätze unserer in Schnitte gespaltenen Medienwelt voraus. Die übliche DJ-Praxis des Samplens, Loopens und Mischens kommt direkt von Schwitters. Die Worte "Ausschneiden" und "Einfügen" tauchen auf jedem Computerbildschirm auf.

Sie sind herzlich eingeladen, an diesem Werk weiterzuarbeiten. Vielleicht kreuzen sich ja irgendwann einmal unsere Wege.



*) Tatsächlich gab es bei MERZmuseum auch in Österreich kein generatives Programm, das alle Streams gemixt hätte. Ein solches Programm – der so genannte "Sounddrifter" von Winfried Ritsch – war Teil der Linzer Version des Projekts "Sound Drifting", das kurz vor MERZmuseum realisiert worden war (s. http://kunstradio.at/SD). Wir haben Hank Bulls Text nicht korrigiert, weil solche Legendenbildungen über das, was an jeweils anderen Knoten passiert, sehr typisch für vernetzte Projekte sind, die ja von niemandem in ihrer Gesamtheit, sondern immer nur in Versionen erlebbar sind.

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SCHWITTRADIO
     The Project

MERZmuseum / Schwittradio / Schwittcd
     Heidi Grundmann

MERZmuseum
     Hank Bull

SchwittCD
     Bernhard Loibner

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     Hans Burkhard Schlichting

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