Sonntag, 12. Mai 2019, 23:03 - 0:00, Ö1

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RADIOKUNST - KUNSTRADIO





Radio
Hörspiel über das Ende des analogen Rundfunks Radio
von Blabalabor (Annette Schmucki und Reto Friedmann)

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Ein Hörspiel von Blablabor
Konzept, Text, Musik, Regie: Annette Schmucki und Reto Friedmann
Produktionsbegleitung: Claude Pierre Salmony
Produktion: Blablabor 2017, in Zusammenarbeit mit Radio SRF2
Dauer: 41’
Mit Jaap Achterberg (Sprecher und Gesang) und Stephan Wittwer (Gitarre).

Mit der Umstellung der Radio-Übertragungstechnik von UKW auf DAB wird das analoge Signal durch ein digitales ersetzt. Akustisch hat dies zur Folge, dass sich dem gesendeten Ton keine Frequenzgeräusche mehr beimischen. Gesendet wird also ein reines Signal ohne Radiorauschen.

Den objektiven Ton gibt es gleichwohl auch bei DAB nicht. Zu hören sind bei DAB (wie bei der CD oder dem MP3-Player) noch verschiedene Tonqualitäten abhängig von der Datenmenge und der Qualität der Abspielgeräte. Hingegen sind die Eigenheiten des Übertragungsmediums nicht mehr hörbar.

Das Medium Radio äussert sich also akustisch bald nicht mehr zum gesendeten Ton. Radio ist gut, wenn man es nicht hört. Damit verschwindet das Medium Radio aus der akustisch wahrnehmbaren Welt. Das Radio hört akustisch auf zu existieren. In der Schweiz wird dies zwischen 2020 und 2024 der Fall sein. Dann werden die UKWSender abgeschaltet.

Der baldige Abschalttermin der UKW-Sender ist für Blablabor Anlass zur Produktion eines Abgesangs auf die im digitalen Zeitalter verstummende analoge UKW- Technik.

Moderation am Radio
Hauptperson des Hörspiels ist ein alter Mann (gesprochen von Jaap Achterberg). Nachdem auch der letzte Radiosender sein Programm im UKW-Bereich eingestellt hatte, bleibt seine umfangreiche Sammlung von Kofferradios stumm und verwaist. Schaltet er ein Gerät ein, so entströmt ihm nur noch gleichmässiges Rauschen. Der alte Mann erinnert sich. Dreht an Knöpfen, voller Erwartung. Sehnsucht. Was sucht er in den Listen der Apparate? Er sucht seine Erinnerungen. Das Leben blättert sich auf beim Hören des Namens „Solid State“. Bei abgebrochenen Antennen. Bei Wackelkontakten, Korrosion, beim Wort Weltempfänger.

Der alte Mann macht eine Radiosendung. Er ist allein in seinem Raum. Eine Art Werkstatt, Atelier, Büro, Wohnzimmer. Gedämpftes Licht einer Stehlampe. 'Werkhof'- Ambiente. Der alte Mann ist hier in seinem Element als Tüftler, Bastler, Hüter der Erinnerungen. Sein Medium: das Radio. Senden und empfangen, Störungen dazwischen. Das Verrauschte. Das plötzlich gestochen Scharfe. Das Flüchtige. Die Ränder. Die Radien. Sein Bunker, seine Bastion. Seine Radiostation. Selbstgebaut. In die Jahre gekommen. Von hier aus sendet er in die Welt. Mit alternder Technik. Etwas verwahrlost. Feuer und Flamme. Das letzte Rauschen. Radio. Er ist nicht sicher, ob ihn jemand hört. Ob ihn hier noch jemand hören will. Dennoch sendet er sein Anliegen. (Mit grossen Prisen des 'je ne capitule pas' des protagonisten aus ionescos 'les rhinoceros'). Eine Art Hexer, zaubert er doch sein ganz eigenes Radioprogramm in die Welt. Der alte Mann zeigt, wie er Radio macht: Lieder. Auseinandernehmen, zusammensetzen, er ist es, der die Lieder komponiert und Gitarre spielt. Er spricht dazu, moderiert die technischen Möglichkeiten, das Material, die Verrauschungen, die Haltung dahinter, das Denken und Entwickeln. Der alte Mann zeigt, wie Radio gesendet wird, was es ist, wieso es gesendet wird. Wieso es rauschend ist beim Empfangen, also das Rauschen kommt ja erst später dazu. In seiner Werkstatt ist alles noch klar... - verschiedene Rauschschichten. Macht ganze Rauschlieder, alles scheppert, klingt improvisiert. Wie sein Leben.

Lieder fürs Radio
Für die Erarbeitung der Lieder bestimmt Blablabor acht bis zehn radiospezifische Wörter wie Antenne, Empfang, Sendung, Rauschen, Frequenzband, Batterie, Kabel, Regler. Diese werden etymologisch, klanglich, rhythmisch und assoziativ analysiert. Daraus ergibt sich ein kleiner Kosmos von Bildern, Geschichten, Strukturen, die als Fenster in die Welt über die Radiotechnik hinausweisen. Die Bearbeitung des Wortmaterials orientiert sich an konkreter Poesie, lässt jedoch auch Ausschweifungen zu. Daraus entstehen Texte für Lieder am Radio.

Diese Sprachspiele, Gedichte und Listen wurden von Jaap Achterberg gesprochen und von Blablabor aufgenommen. Die Klanglichkeit des gesprochenen Textmaterials wurde wiederum vom Gitarristen Stephan Wittwer auf sein Instrument übersetzt und in einem nächsten Schritt von Jaap Achterberg in die Sprache zurückgesungen.

12. September 2017, Neunkirch und Cormoret, Reto Friedmann und Annette Schmucki

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