SONNTAG, 12. September 2004, 23:05. - 23:45, Ö1

KUNSTRADIO - RADIOKUNST


I. radio comic #5: ticken
II. Re-Inventing Radio II / Historische Serie: Teil II - Worte in Freiheit


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radio comic #5: ticken

von Josef Klammer und Albert Pall

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http://stream.sil.at:7562/content/2004B/MP3/12_09_04a.mp3

"ticken" ist die fünfte von sechs über das Jahr 2004 verteilten Radiocomics, die Text und Musik in gegenseitiger Ergänzung und Irritation verkoppeln. Wo der Beobachter die Textur einer Handlung zeichnet, vergrössert die Musik latente akustische Ereignisse. Die Parallelen treffen sich im Radio.

Text: Albert Pall Musik & Bruitage: Josef Klammer Sprecherin: Ilse Amenitsch




Bild: Orsen Welles, War of the Worlds

Re-Inventing Radio II / Historische Serie:
Radio als Ort, Kontext und Gegenstand von Kunst
Teil 2 - Worte in Freiheit

Eine 7-teilige Serie im Ö1-Kunstradio und bei Kunstradio on line.
Sendegestaltung: Andrea Sodomka
Regie: Hans Groisz
Sprecher: Thomas Edlinger, Marian Schönwiese
Technik: Gerald Ernst

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Raoul Hausmann
Raoul Hausmann

Der zweite Teil der historischen Serie steht unter dem Motto "Worte der Freiheit" und knüpft mit dieser Referenz auf den italienischen Futuristen F.T. Marinetti historisch an Teil 1 der Serie an.
"Worte in Freiheit" spannt einen Bogen von der Suche nach einer neuen Form der Dichtung, die vor allem von dem Dadaisten Raoul Hausmann und dem Merz-Künstler Kurt Schwitters vorangetrieben wurde, über die theoretischen Überlegungen des Dramatikers Bertolt Brecht zur realen Nutzungsweise als Distributionsapparat wie zum utopischen Potential des Mediums als Kommunikationsapparat bis hin zum legendären Hörspiel "The War of the Worlds" als Beispiel der unerhörten Massenwirkung von Radio.
Abschließend wird Antonin Artauds Vorstellung des Mediums, die eng mit der Forderung dieses französischen Künstlers nach einem autonomen, organlosen Körper verbunden ist, vorgestellt.

Antonin Artaud
Antonin Artaud

"Ich fordere die prinzipielle Gleichberechtigung aller Materialien, Gleichberechtigung zwischen Vollmenschen, Idiot, pfeifendem Drahtnetz und Gedankenpumpe. Ich fordere die restlose Erfassung aller Materialien vom Doppelschienenschweißer bis zur Dreiviertelgeige. Ich fordere die gewissenhafteste Vergewaltigung der Technik bis zur vollständigen Durchführung der verschmelzenden Verschmelzungen."
Kurt Schwitters, Die Merzbühne, 1919

Die Futuristen, die - wie Marinetti in seinen "Worten der Freiheit“, den parole in liberta aus dem Jahre 1913 - die Aufhebung der Syntax, die Befreiung der gesprochenen und geschriebenen Worte sowie der Typographie forderten, schufen die Voraussetzung für die Verschmelzung von phonetischen Gedichten, Geräuschkompositionen und Klangpoesie. Neue technische Möglichkeiten unterstützten sie dabei.
Herausragende Persönlichkeiten auf dieser Suche nach einer neuen Form von Dichtung waren u.a. der Dadaist Raoul Hausmann und der Merz-Künstler Kurt Schwitters.
Eines der Schlüsselwerke dieser neuen Formen war die "Sonate in Urlauten“ von Kurt Schwitters, an der zu arbeiten er in den 1920er Jahren begann und die 1932 erstmals veröffentlicht wurde. Als Hauptthema dieser Ursonate diente ein Lautgedicht von Raoul Hausmann, das - laut Schwitters - lediglich eine Druckprobe für die Auswahl von Typen war.

Der Künstler selbst beschrieb die Ursonate folgendermaßen:

Kurt Schwitters
Kurt Schwitters

"Alle anderen Lautverbindungen sind frei erfunden, teilweise unbewußt angeregt durch abgekürzte Aufschriften auf Firmenschildern oder aus Drucksachen, besonders aber durch die interessanten Aufschriften auf Eisenbahnstellwerkhäusern, die immer so interessant wirken, weil man den Sinn nicht versteht."

Welch grossen Einfluss Kurt Schwitters mit seinen Ideen und Werken auf heutige RadiokünstlerInnen hat, zeigt das Projekt MERZ Museum:
Am 19. September 1999 fand ein 12 Stunden dauernder Webcast als Hommage an Kurt Schwitters statt. Über 40 KünstlerInnen auf vier Kontinenten, unter ihnen Christopher Butterfield, Sergio Messina, Hartmut Geerken, Bill Furlong Andrew Garton und viele andere, gestalteten ein temporäres, on line MERZ Museum. Eigens für dieses Ereignis produzierte Live-Audiostreams und -files, Bilder und Texte bildeten das architektonische Grundgerüst dieses Museums. Initiiert von Hank Bull, änderte diese spezielle Hommage permanent ihre Gestalt, im Rhythmus des Auftauchens der verschiedenen Live-Projekte, die sich manchmal miteinander vermischten, manchmal simultan abliefen oder neue Verbindungen eingingen bzw. neue Orte erschufen, wenn die KünstlerInnen auf das Material von anderen Orten zugriffen.
Veranstaltet wurde das MERZ Museum von First Floor Eastside in Vancouver und dem Ö1 Kunstradio in Wien.

"An jedem Netzwerkknoten bekommt man einen anderen Mix zu hören, weil die Streams zu unterschiedlichen Zeiten eintreffen und sich in unvorhersehbarer Weise mischen. Man schickt seinen Stream los, aber ohne Garantie, was daraus wird. Man behält die Eigentumsrechte, aber nur auf einen Teil des Werkes im Sinne einer kollektiven Autorschaft über eine kreative Zone."

Das MERZ Museum ist immer noch on line. Ein wesentliches Exponat des Museums ist die Dokumentation des 12 Stunden Live-Events. Aus dem Material und den Mitschnitten des Schwittradios stellte der Künstler Bernhard Loibner im Auftrag von Ö1 Kunstradio eine CD zusammen. Diese stellt - im Sinne einer Verdichtung - das im Laufe von Schwittradio entstandene Klangmaterial in Form einer kollektiven Komposition aller beteiligten KünstlerInnen dar.

Bertold Brecht
Bertold Brecht

Bertolt Brecht, der viele dieser heute verwendeten Konzepte und Strukturen in seinen Theorien vorhersah und forderte, hat das neue Medium Radio mit Begeisterung aufgenommen. Bald aber war der Dramatiker und Schriftsteller enttäuscht vo der allzu einseitigen Nutzung des Rundfunks durch die damaligen Programmmacher. Um 1930 entwickelte er daher eine "Theorie des Radios". Die Grundlage dafür bildeten unter anderem die beiden Schriften Der Rundfunk als Kommunikationsapparat (1932) und Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks (1928) sowie einige praktische Radioarbeiten.

"Was nun diesen Lebenszweck des Rundfunks betrifft, so kann er meiner Meinung nach nicht darin bestehen, das öffentliche Leben lediglich zu verschönern... Auch als Methode, das Heim wieder traut zu machen und das Familienleben wieder möglich, genügt meines Erachtens der Rundfunk nicht...".

Es war Brechts größtes Anliegen, den Rundfunk so zu demokratisieren, "daß das Publikum nicht nur belehrt [wird], sondern auch belehren muß". Er wollte einen Hörfunk schaffen, der auch als "Empfänger“ funktioniert; so sollten die Hörer auch "Sender“ sein können. Seine Forderungen hierzu formulierte er in der "Rede über die Funktion des Rundfunks", publiziert 1932 in "Der Rundfunk als Kommunikationsapparat":

"Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem; das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.“

Welche Macht das Radio besitzt, wenn es solche Theorien und Konzeptionen des Mediums beachtet, und darüber hinaus mit Illusion und Wirklichkeit spielt, zeigt eine der spektakulärsten "Radio-Geschichten" der Geschichte: Am 30. Oktober 1938 übertrug der New Yorker Sender CBS (Columbia Broadcasting Company) das Hörspiel "The War of the Worlds“ nach dem gleichnamigen Science Fiction Roman von H.G. Wells und inszeniert von Orson Welles und dem Mercury Theatre in Form einer fiktiven Reportage.

Orson Welles
Orson Welles

Das Hörspiel, das die feindliche Invasion der Welt durch Außerirdische lebhaft schilderte, führte massenhaft zu Panikreaktionen in der Bevölkerung von New York und New Jersey. Viele ZuhörerInnen glaubten das Hörspiel sei eine reale Reportage über einen Angriff außerirdischer Lebewesen.

Eine wesentliche Rolle für diese Reaktionen spielte dabei die Tatsache, dass viele ZuhörerInnen erst mitten drinnen zu CBS umschalteten und daher die Ankündigung des Hörspiels von Orson Welles zu Beginn der Sendung nicht gehört hatten. Angesichts der vorgetäuschten Live-Struktur des Hörspiels ahnten sie nicht, dass sie die Inszenierung eines Science Fiction Romans hörten. Die Geräuschkulisse, Schreie, aufgeregt durcheinander redende Reporter, die vermeintliche "Live"-Berichterstattung mit Augenzeugenberichten, Befehlen und Nachrichten vom Kriegsgeschehen sowie vorgetäuschte Senderausfälle waren Auslöser für die außergewöhnlich heftigen Reaktionen der Hörer.

Ein Beispiel daraus:

"Streets are all jammed. Noise in crowds like New Year's Eve in city. Wait a minute ... Enemy now in sight above the Palisades. Five - five great machines. First one is crossing river. I can see it from here, wading the Hudson like a man wading through a brook ... A bulletin's handed me ... Martian cylinders are falling all over the country. One outside Buffalo, one in Chicago, St. Louis ... seem to be timed and spaced ... Now the first machine reaches the shore. He stands watching, looking over the city. His steel, cowlish head is even with the skyscrapers. He waits for the others. They rise like a line of new towers on the city's west side ... Now they're lifting their metal hands. This is the end now. Smoke comes out ... black smoke, drifting over the city. People in the streets see it now. They're running towards the East River ... thousands of them, dropping in like rats. Now the smoke's spreading faster. It's reached Times Square. People trying to run away from it, but it's no use. They're falling like flies. Now the smoke's crossing Sixth Avenue ... Fifth Avenue ... one hundred yards away ... it's fifty feet ..."

Einer der radikalsten Künstler dieser Zeit, der sich ebenso mit dem relativ neuen Medium Radio und dessen Möglichkeiten auseinandersetzte war der französische Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Dichter und Theoretiker <Antonin Artaud. Für viele gilt Artaud heute als Mitbegründer der Performance-Theorie.
Seine radikalen Ideen äußerte er in einer Reihe leidenschaftlicher Manifeste, die 1938 unter dem Titel "Le Théâtre et son double" publiziert wurden wurden. Inspiriert vom balinesischen Theater entwickelte Artaud 1932 seine Theorie des "Theaters der Grausamkeit". Darin forderte die Loslösung der Stimme, des Körpers und der Sprache vom Text. Jede Bewegung und jeder Laut der Darsteller, jedes Geräusch sollte eine eigene, nicht bloß den Text illustrierende Bedeutung bekommen. Artaud wollte damit die zentrale Rolle, die der Text im Theater spielte aufbrechen und die Aufführung, der Inszenierung, die Performance in den Vordergrund stellen.
Er forderte die Aufhebung jeglicher sozialer Ordnung und die Anarchie als stärkste und wirksamste Ausdrucksform des Theaters. Mit der Erschaffung eines autonomen Körpers, der keinen existentiellen, gesellschaftlichen oder ideologischen Zwängen mehr unterworfenen war, eines Körpers ohne Organe, versuchte sich der Künstler mit der Utopie einer radikalen Neukonstruktion jeder Existenz in und vor seinem eigenen, tragischen psychischen wie physischen Verfall zu retten.
Viele seiner Ideen dazu sind im Hörspiel "Pour en finir avec le jugement de Dieu" konzentriert - eine für das Radio geschaffene Arbeit, die diesem neuen, autonomen Körper Ausdruck verleihen sollte. Sein Versuch, einen "reinen Körper" zu erschaffen - losgelöst von allen Konventionen - hat bis heute nichts von seiner Wirkung verloren:

"Wer bin ich?
Woher komme ich?
Ich bin Antonin Artaud, und auf daß ich es sage, wie ich es sagen kann, auf der Stelle werdet ihr meinen Körper in Stücke zerspringen sehen und unter zehntausend notorischen Aspekten einen neuen Körper sich zusammenraffen,
in dem ihr mich nie mehr vergessen könnt."

> Weiter: Teil 3 - Klingende Objekte


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