30. April 1998

KUNSTRADIO



ACHTUNG PROGRAMMÄNDERUNG:

IN MEMORIUM HEIMO WISSER

Der Komponist und Autor Heimo Wisser,
einer der bedeutendsten Vertreter der
Tiroler Kulturszene, ist am Wochenende
freiwillig aus dem Leben geschieden.

(APA, 27.04.1998)

KUNSTRADIO WIEDERHOLT

"ARIEN UND CHÖRE DER ELITE"
Die von uns gewählte Realität

von
Heimo Wisser

Aus dem Jahr 1993



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Noch nie gab es so viel Information in so kurzer Zeit aus dem Mund staatstragender Persönlichkeiten wie in diesem Stück. Es spielen: Präsidenten, Kanzler, Minister, Parteiobmenschen etc. mit uns und ohne uns den großen Reigen der wahren Inhalte ...".
(Heimo Wisser)

Für dieses Radiostück (und Band) sampelte und montierte Heimo Wisser in monatelanger Arbeit Ausschnitte aus bereits im Radio gesendeten Interviews und Statements österreichischer Politiker.

Die "Arien und Chöre der Eliten" können von den Hörern als eine "Serie akustischer Karikaturen" wahrgenommen werden, wobei nicht so sehr der Gesamtcharakter einzelner Politikerpersönlichkeiten in den Vordergrund rückt, sondern das, was und wie sie es uns zu sagen haben. Und sie haben bekanntlich - auch wenn sie eigentlich nichts sagen - viel zu sagen. In der Sprache der Macht.



"There was never so much information spewed in such a short time out of the mouths of important statesmen as in this piece. Presidents, chancellors, ministers, representatives of political parties etc. lead the round (with us and without us) in the great dance of true contents..."
(Heimo Wisser)

For months, Heimo Wisser sampled and mounted cuts from interviews and statements hy Austrian politicians previously broadcast on radio for this radio-piece (and tape).

"Arien und Chore der Elite" can be perceived by the listeners as a series of acoustic caricatures", whereby not the personalities of the individual political characters are of importance, but what and how it is said by them. And as we know, they say a lot - even if they don't have a lot to say - in the language of power.


Über HEIMO WISSER
und

"ARIEN UND CHÖRE DER ELITE"

(DIE VON UNS GEWÄHLTE REALITÄT)

von Wolfgang Schäffer

Sprache - Bereich zwischen Artikulation und Musik? Entwickelt sie sich aus Musik? Kommt sie aus Musik? Bilden Musik und Sprache eine Einheit, die sich in zwei verschiedenen Räumen, dem Musikalischen und dem des sich Verständigen-Wollens, bewegt? Gibt es eine vokale Musik jenseits des gesungenen Wortes? Kann Sprache, Sprechen, kann das im Mund gebildete, geformte Wort Musik sein, zur Musik werden?

Seit Arnold Schönbergs (1874-1951) "Pierrot lunaire" (1912) und der im Werk angestrebten "Sprachmelodie", d. h. der Verschmelzung von Gesungenem und Gesprochenem zu einer eigenen vokalen Sprache, stellten sich für die Komponisten des 20. .Jhdts., vor allem der Generation nach 1945 immer wieder diese Fragestellungen, auf der Suche nach einer neuen Vokalität abseits der hereits beschrittenen Wege.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus neue Konzeptionen im Umgang mit Stimme, Sprache und Wort. Immer mehr rückte dabei die Sprache in den Vordergrund der musikalischen Auseinandersetzung. Aus Sprachmaterialien wurden Klänge ausgewählt und zu neuen Klangstrukuren in Verbindung mit Elektronik zusammengefügt, deren Spektrum vom Sinuston bis zum Geräusch reicht.'(1) In der Behandlung der Sprache ging man immer mehr vom Wortklang aus, spaltete Sätze nur nach dem Gesichtspunkt der Wortrhythmik auf, ohne auf den Kontext zu achten. Laute, Vokale, Worte wurden immer mehr als spontane Ausdrücke momentaner Befindlichkeiten wie Angst, Zorn, Freude, Trauer begriffen und in experimentellen Vokalkompositionen als gestisch expressiver Momentausdruck auskomponiert.(2) Sogar die Sprache des Menschen in der Arbeitswelt wurde ein Bereich der gestalterischen Auseinandersetzung.(3) Komponisten wie György Ligeti (* 1923), Karlheinz Stockhausen (* 1928), Maurizio Kagel (* 1931), John Cage (1912-1992) und Luigi Nono (1924-1990) trugen mit ihren Kompositionen wesentlich zur Findung einer neuen Klangsprache in der Vokalmusik bei.

Sprache als Raum der Kommunikation, des sich Ausdrückens, des "sich zur Sprache bringen Wollens", aber auch Sprache als musikalisches Mittel, bot sich auch für Heimo Wisser als Betätigungsfeld kompositorischer Auseinandersetzung an. Dabei ging es ihm um eine spezielle Sprache. Eine Sprache, die sich elitär, wissend gibt und sich, losgelöst vom herkömmlichen Sprachgebrauch, auf einem ganz anderen Parkett bewegt: die Sprache der Politik, oder besser die Sprache der Politiker. Aus ihr gestaltete Heimo Wisser sein Radiostuck "Arien und Chöre der Elite".

Heimo Wisser wählte für seine Arbeit aus den Rundfunkarchiven Radiointerviews einige an ihrer Stimme leicht erkennbare Politiker aus. Aufwendig digital "gesäubert" begann er das Material zu bearbeiten. Dabei hat Wisser bewußt die Inhalte der einzelnen Aussagen ausgeklammert. Vielmehr stellte er die Floskel, den Gestus, die Monotonie der Politikersprache in den Vordergrund seiner Bearbeitung. Das gesprochene Wort der einzelnen Personen entwickelt sich einmal zur Arie, einmal zum Chor. Auseinandergeschnitten und wieder zusammengefügt und verbunden mit unterschiedlichen Klängen und Hintergrundmusiken, enstanden Sprach- und Klangcollagen voll Ironie. Aus denl Originalton der einzelnen "Politsänger" wurden durch vielerlei Prozesse uus gleichen Stimmen völlig andere Materialien gewonnen, aus denen einerseits flächige Hintergrundchöre zur Arie gebildet, andererseits rhythmisch pragnante Sätze und Satzteile in Silben auseinander geschnitten wurden, die wiederum, in der Tonhöhe korrigiert, neu zusammengesetzt und mittels Zeitexpansion bzw. -kompression im Verhältnis n x 122 gedehnt bzw. verkürzt wurden. Dadurch entstanden rhythmisch idente Chöre in chromatischer Stimmung. Diesen aus dem "Urmaterial" gewonnenen Arien und Chören werden fremde Klänge beigemischt, wie Grillengezirpe, der Klang einer Schere, Perkussionsinstrumente, Blockflöte, Celesta und Theorbe, sowie Blasmusik.

Diese zugemischten Klänge bilden sich zu kompositorischen Strukturen, deren musikalischer Gehalt sich bewußt auf die Person und ihren sprachlichen Gestus bezieht. Die Hintergrundmusik liefert gleichsam eine verdeckte Interpretation zur Person und dem Charakter des Politikers, ordnet ihn bewußt oder unbewußt ein. Heimo Wisser will dabei musikalisch verständlich bleiben, um vom Hauptträger des Geschehens nicht abzulenken. Die Musik nimmt vielmehr die Grundmomente der Politikersprache in sich auf und persifliert sie. Dies geschieht oftmals mit an Schlagermusik erinnernde Passagen. Aus kurzen Gedanken Motiven, Wortfetzen, Satzfragmenten entwickeln sich so unter Heimo Wissers Hand Arien, Chöre und Rezitative, unterbrochen von orgelpunktartigen Zwischenklängen.

Sprache und Musik verbinden sich in den "Arien und Chören der Elite" zu einer heiter, ironischen Paraphrase zum Thema "Sprache und Politik". Dabei handelt es sich nicht um eine Manifestierung irgendeiner politischen Gesinnung. Heimo Wisser will sich bewußt mit seiner politischen Sicht der Dinge heraushaltem. Vielmehr will dieses Stück den Hörer auf die Sprachlosigkeit der Politiker, auf die Verarmung der Politsprache, die sich in einem phrasenhaften, hohlen Gestus verliert, aufmerksam machen. So begegnet mall mit Heimo Wissers "Arien und Chöre der Eliten" einem Stück "von uns gewählter Realität" - deren "wahr~ Inhalte" mit oder ohne uns im Rundfunk tagtäglich gesungen werden - das durch Wisser zu Arien und Chören gestaltet, Sprache einmal anders zur Sprache bringt.


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