KUNSTRADIO


"Brennschluß"


Ein Radiostück von Bernhard Loibner und Robert Wölfl


Am 21. Juli 1969 blickten 500 Millionen Menschen gebannt auf ihre Bildschirme: Neil Amstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes. 25 Jahre nach dieser "größten Fernsehshow aller Zeiten" fragen die beiden Autoren von "Brennschluß" danach, welchen dauerhaften Wert und Sinn, welche bleibende Bedeutung für die Menschheit dieser "größten biologischen Heldentat der Geschichte" denn zuzuschreiben ist.

Die Monologe des Astronauten Bläut und seiner Frau bilden die narrative Ebene, O-Tonmaterial aus der Geschichte der zivilen Raumfahrt - dem "Abfallprodukt der Rüstungsindustrie" (so die Autoren) - die akustisch-mediale Ebene des Stücks. Durch Samplingmethoden und andere Techniken werden Fiktion und Wirklichkeit im Stück vermischt.

Die Skepsis an der Sinnhaftigkeit von Mondflügen, am ungebrochenen Glauben an den Fortschritt, an der Unterwerfung des Universums als Ziel der Aufklärung überkommt Josef Bläut am Ende seiner Astronautenkarriere. In einem fleckigen Ohrensessel sitzend stellt er nicht nur das Wesen der Raumfahrt und ihres alles andere als friedvollen Ursprungs und Ausgangspunktes in Frage, sondern auch seine eigene Herkunft, seine eigene Identität. Seiner Verschwörungstheorie zufolge mußte er als Deutsch-Amerikaner von dunklen Mächten doch geradezu auserwählt worden sein, die Entwicklung der Raumfahrt voranzutreiben. War die von Hitler als "Vergeltungswaffe" bezeichnete V2, ein Produkt der deutschen Rüstungsindustrie, doch bereits eine Vorform einer Trägerrakete für ein bemanntes Raumschiff, wie sie 25 Jahre später in der amerikanischen Raumfahrt verwendet wurde. In der Fixierung auf das Phallische, auf die Potenz, erkennt er das Leitmotiv des ehrgeizigen Strebens der Raktenkonstrukteure einer (hypermaskulinen) Welt der Militär- und Raumfahrttechnologie.

Unterbrochen werden die Gedanken Bläuts durch die Monologe seiner Frau Hanna, die neben ihrem Mann stets ein Schattendasein führte. Als eine der Protagonistinnen des "Heiligen Ordens der Raumfahrerwitwen", den sie spaßhalber mit anderen Astronautengattinnen gegründet hat, ist sie sich der Widersprüchlichkeit ihrer Existenz an der Seite eines berühmten, von der Gesellschaft bejubelten Raumfahrers sehr bewußt. Für die Öffentlichkeit hat sie die Rolle des personifizierten Ehe- und Familienglücks zu spielen. Hinter dieser Maske verbirgt sie ihre Depressionen, ihren Kummer über ihr unausgefülltes Hausfrauenleben.

Welche Konsequenzen das Ehepaar Bläut aus diesen Reflexionen über ihr Leben ziehen, bleibt offen. Soviel aber verraten uns noch die Autoren von "Brennschluß": "Aus Josef Bläuts Abrechnung mit den eigenen Irrtümern und der Anklage gegen die Geschichte als Irrtum gibt es kein Entkommen. Der Schlußstrich muß notwendigerweise Selbstmord heißen. Doch Bläut wird es nicht so einfach gemacht: In seinem Ohrensessel eingeschlafen, weckt ihn plötzlich eine Vision ... "



1994 CALENDAR 1