KUNSTRADIO


I."Lacrimosa"

von Ivana Stefanovic


II. Eine Hörinstallation im MAK

von Sam Auinger


I.

"Lacrimosa"
und Ausschnitte aus:
"Interpretation of a dream" (1984)
"Paysage" (1978)
"Notizen aus der Nacht", Konzert für Viola (1974)


von Ivana Stefanovic

Die Komponistin und Radiokünstlerin hat 1974 zum ersten Mal eine Arbeit spezifisch für das Medium Radio gemacht, was um so näher lag, als sie schon während ihrer Studienzeit - also seit 1967, als sie 19 Jahre alt war - begann bei Radio Belgrad zu arbeiten.1967 kam sie in die Hörspielabteilung und war dort für die Musik zuständig.1985 gründete sie das experimentelle Soundstudio von Radio Belgrad, wo von da an Radiokunst produziert wurde und zwar vor allem Radiokunst, die sich mit der Bedeutung von Klängen und Geräuschen auseinandersetzt. In den letzte Jahren hat sie sich im Rundfunk und bei Zeitungen auch als Essayistin profiliert.

Im Jänner 1993 kam für Ivana Stefanovic das Aus bei Radio Belgrad in Form eines Zwangsurlaubes samt Hausverbot: "Belgrad am 18. 1.1993. Heute habe ich Christian Heizig gebeten meinen Kollegen in der Arbeitsgruppe Ars Acustica der europäischen Rundfunkunion meine beruflichen und freundschaftlichen Grüße zu übermitteln zusammen mit der Information, daß ich nicht mehr bei Radio Belgrad bin. Ich wurde auf einen Zwangsurlaub geschickt. Obwohl ich so etwas schon erwartet hatte, war ich doch sehr schockiert über die Art in der das geschah. Ich darf das Funkhaus nicht mehr betreten und darf auch mein persönliches Eigentum nicht mehr abholen. Diese disziplinarischen Maßnahmen betreffen nicht nur mich, sondern eine ganze Gruppe von Leuten, deren einziges Vergehen es war, anders zu denken."

"Paysage" von Ivana Stefanovic aus dem Jahre 1978 gehört zu einem ihrer frühen Stücken:"Ich begann schon 1974 als ich noch sehr jung war damit Klänge aus der Natur zu verwenden. Mein erstes Stück hieß "The birds epistel" - "Vogelevangelium". Ich verwendete dabei verschiedene Vogelstimmen wie etwa Vögel aus Südafrika, Südamerika oder Europa. Der Vogelgesang ist fantastisch." Für diese Komposition erhielt die junge Komponistin den Prix de Monaco.

In einem Interview 1993 in Wien mit Gerti Schmutzer für eine Zeitung sagte Ivana Stefanovic: "Ich habe mich entschieden weiterzuarbeiten, solange es möglich ist. Wenn man diese Entscheidung einmal getroffen hat, finden sich auch Arbeitsmöglichkeiten,z.B. in privaten Heimstudios bei Freunden. Die Entscheidung ist das Wichtigste. Es gibt so viele die jetzt ihren Ehrgeiz verloren haben. Die psychische und physische Situation der Künstler ist schwierig geworden."

Und zur Situation der Künstler und Intellektuellen in Restjugoslavien: "Wir sind nicht verzweifelt, wir sind in ständigem Kontakt wir helfen einander. Ich verstehe, wenn einige das Land verlassen, aber es ist schwierig für jene die gehen und für die, die bleiben. Zur Zeit gibt es noch Möglickeiten für Bandvorführungen und Konzerte in kleinen privaten Kreisen. Wenn es keine Radiosendungen, keine Performances, keine Konzertmöglichkeiten gibt, mache ich Skulpturen. Ich weiß nicht welche Art von künstlerischem Ausdruck ich wählen würde, aber ich würde mich immer dafür entscheiden mich künstlerisch auszudrücken. Das größte Problem ist unsere internationale, kulturelle und künstlerische Isolation. Ich bin deswegen sehr wütend. Diese Isolation ist nicht nur auf dem politischen und wirtschaftlichen Gebiet spürbar, sondern auch in der Kultur, in der Kunst und im Sport. In 2 Jahren werden wir wie Tiere leben - ohne Information von außen. Ich dramatisiere nicht, es ist die Wahrheit. Ich denke trotz der schwerwiegenden Gründe für die politische und wirtschaftliche Isolation Serbiens, müßte die Kommunikation mit den Künstlern weitergehen. Ich glaube nicht, daß es so etwas wie einen nationalen Künstler gibt. Ist Goethe vielleicht ein nationaler Literat gewesen? Nein sicher nicht. Ich habe immer noch etwas Hoffnung, aber ich weiß wirklich nicht warum eigentlich, weil es dafür doch keine Gründe gibt." 1984 entstand ein Stück von Ivana Stefanovic, das sie heute in Restjugoslavien nicht mehr spielen dürfte. Es heißt "Interpretation eines Traumes" und verwendet Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis sowie ein kroatisches Gedicht von Wesna Crompotovic. Genausowenig hatte wohl auch das Stück "Lacrimosa", das Ivana Stefanovic 1993 in Wien produziert hat, Chancen in Belgrad aufgeführt, oder gesendet zu werden. Und nicht nur deshalb, weil Ivana Stefanovic zwangsurlaubte, und einen kritischen Zeitungsartikel veröffentlicht hat, der ein großes Echo auslöste.

Die Erstaufführung des Stückes "Lacrimosa" der in Belgrad lebenden Komponistin und Radiokünstlerin Ivana Stefanovic erfolgte am 6.5.1993 im ORF-Kunstradio. Das Radiostück "Lacrimosa" stellt ein sehr persönliches und berührendes Statement der Künstlerin zur Situation im ehemaligen Jugoslawien dar.

Zu dem Stück "Lacrimosa" hat Ivana Stefanovic ein Statment auf Band gesprochen: "In meinen radiophonen Arbeiten habe ich versucht eine Autonomie der Sprache und des Stiles zu bewahren, um das Eindringen der Musik in sie zu verhindern. Das ist bei meinem neuen Stück nicht der Fall. Ich werde der Musik nicht ausweichen, im Gegenteil ich werde aus der Musik deren Zeichen- und Symbolsystem beziehen. Mein Stück wird zur Gänze auf Musik aufgebaut sein. Musik von Pergulesi, Mozart, Verdi, Benderezki und Britten. Alle diese Komponisten haben mit höchster Inspiration Musik für Totenmessen geschrieben: vor dieser Musik sind wir alle gleich.

Zusätzlich zu dieser Musik verwende ich Material aus Dokumentaraufnahmen, die auf den Straßen von Sarajewo entstanden sind - nur eine Woche vor dem Anfang des Krieges in Bosnien. Die Aufnahmen sind nur durch Zufall erhalten geblieben. Die Stadt verteidigte sich damals mit einem 3 Tage dauernden Straßenkonzert. Die Musik dieses Konzertes sollte das Recht der Stadt auf Leben verteidigen.Es war Musik von schlechtem Geschmack - aber trotztdem liebte jeder Mann, jede Frau sie damals. Im vergangenen Mai sangen die Leute diese banalen, volkstümlichen Lieder zum letzten Mal. Zum letzten Mal waren sie zusammen: Serben, Muslime, Kroaten und Juden. Heute haben die Juden Bosnien längst verlassen. Lange Konvois haben sich aus den Städten geflüchtet - nach Kanada oder Spanien. In diesen Tagen singt eine kleine Gruppe Cantoladino - zwei Mädchen und zwei junge Männer - in Belgrad Lieder der sephardischen Juden. Vor einem halben Jahrhundert stellten die Sephardim ein Fünftel der Bewohner Sarajewos. Heute gibt es dort keine Sephardim mehr. Sie haben sich auf den Weg gemacht - auf der Suche nach einem neuen Land. Das Material meiner Komposition hat einen starken emotionalen Inhalt. Ich habe nicht die Absicht mich selbst, noch meine Hörer davor zu schützen. Deshalb unterwerfe ich dieses Material keinen starken technischen Veränderungen. Stattdessen webe ich ein Netz mit Fäden, die aus reinem Schmerz gemacht sind. "Lacrimosa" ist ein Stück, das ich meiner Kollegin, meiner Freundin aus Sarajewo widme. Sie war sehr für das angagiert, was wir Ars Acustica nennen. Sie komponierte in den Studios von Radio Sarajewo mit Klängen und präsentierte ihre Arbeiten beim Prix Italia. Heute weiß ich von ihr gar nichts, nicht einmal ob sie lebt. Mein musikalisches Gebet ist voller Tränen - voller Tränen sagt ein Vers aus der lateinischen Totenmesse."



II.

Eine Hörinstallation im MAK


von Sam Auinger

Der Österreicher Sam Auinger wurde eingeladen, beim vielfältigen Programm zur Eröffnung des neuen MAK - des Museums für angewandte Kunst in Wien - mitzuwirken. 5 Tage lang - bis zum 9. Mai arbeitete Sam Auinger im MAK an seiner akustischen Installation "Delay", die aus 5 Ausstellungen besteht. Im Begleittext heißt es: "An jedem der Museumstage, von Montag bis Freitag, wird akustisch beobachtet, eine Sammlung erstellt, eine Auswahl getroffen, gestaltet, verkürzt, formatiert, behauptet, subjektiviert und diese Auswahl dann zeitversetzt um einen Tag als Hörausstellung im Museum installiert."

Im Kunstradio installierte Sam Auinger eine 6. Hörausstellung und zwar die Hörausstellung "180 Sekunden aus der Sammlung 3. Mai, Museum für Angewandte Kunst Wien".



1993 Calendar 1