Eine Betrachtung mit Beispielen von Fritz Ostermayer
"To sample" ein Muster eine Probe nehmen. Beim Sound-Sampling werden Klänge nicht mehr synthetisch, aus vorgegebenen obertonreichen Schwingungen erzeugt, sondern man bedient sich beim Originalklang selbst.Sampling erlaubt jeden Sound das heißt jede Schwingungsform im tonfrequenten Bereich aufzunehmen, in eine entsprechende digital Information zu wandeln, zu speichern und dann mit wählbarer Tonhöhe über ein Midikeyboard, eine Midigitarre oder andere midikompatible Instrumente zu spielen. Ein Sample reicht aus um die Klangfrabe eines jeden beliebigen Klangerzeugers festzuhalten. Diese Klangfrabe im Computer einmal digitalisiert und gespeichert, gehört dann ins Repertoire des Musikcomputers. Alles nur eine Frage der Speicherkapazität und der Softeware- so einfach ist das. Doch so einfach ist es natürlich nicht. Einfach behaupten hingegen läßt sich, daß die Collage die einzige und letzte mögliche Kunstform unserer Zeit ist. Und das Sampling im Prinzip nichts anderes tut, als die Collage im Digitalen weiterzuentwickeln. Die Idee des Sampelns als künstlerische Aneignung von Vorgefundenem, läßt sich bereits bei den Dadaisten und Futuristen ausmachen und ist in analoger Form bei Duchamp als Readymade bereits formvollendet wiederzufinden. Denn was ist ein Uri noire anderes als ein Sampel hygienischer Alltagsgegenstände. Und was ist das auf einen Hocker montierte Fahrrad, wenn nicht die Montage zweier Samples aus Ruhe und Bewegung. Die Erfindung des Tonbandgerätes schließlich ermöglichte bereits in den 40er Jahren konkret "The Art of Sampling".
Die Prädigitalen Komponisten der Musique concret schleppten ihre riesigen Aufnahmemaschinen in die verschiedensten Klangambienten, zeichneten auf und manipulierten anschließend ihr Material, setzten es neu zusammen oder verfremdeten es mit Hilfe ihrer steinzeitelektronischen Möglichkeiten. Und was sind die Schallplatten und Radiostücke von John Cage, wenn nicht gesampelte Collagen von sogenannten Fremdkompositionen. Neu ist also nicht die Technik, sondern das Equipement - der Computer, die digitale Verfügbarkeit. Neu zu denfinieren gilt es auch das alte Problem der Urheberschaft. Nicht nur im kunsttheoretisch-philosphischen Sinn, sondern auch ganz pragmatisch z.B. Tantiemenmäßig. Dr. Walter Delenz von der AKM - der Autorn, Komponisten und Musiker Schutzvereinigung - will dem Forderungen, dem künstlerischen Mundraub Einhalt zu gebieten, mögen dort, wo es um die rein kommerzielle Ausbeutung geht, gerecht erscheinen. Auch wenn der Ton als kleinste musikalische Einheit im Zeitalter des Zitats längst obsolet geworden ist. Und wie steht es mit der klassischen Schlußsequenz? Tausendfach wiedergekäute Tonfolgen, ohne nachweislichen Urheber sind unschützbar. So umgehen z.B. Arturo Anikino und Sergio Rendine in ihrer grandiosen postmoderen Radiooper "Alice" - die 1987 produziert und 1988 veröffentlicht wurde - dieses Problem, indem sie in einer Sequenz Schlüße sampeln und eigene hinzuaddieren.

Die Autorität und damit auch der Autor und der Begriff des autonom Schöpfenden. Was Duchamp kunsthistorisch und Benjamin philosophisch antizipierte, ist heute kunstmediale Allgegenwart. Das simulierte Original als spielerisch vervielfachtes Fixierbild. Elen Stertewänd sampelt ein Bild von Jasper Jones, daß heißt reproduziert es, malt es nach und signiert diese ihre Arbeit deutlich sichtbar auf der Vorderseite. Und auch die Signatur ist nur mehr Verweis, Zitat. So wie Andy Warhole einst jeden hingehaltenen Tennisschuh mit seinem Namenszug würdigte und zugleich entwürdigte.
Elen Stertewänd, Sherry Levin die unter anderem nach Mondrean und Miro arbeitet oder Mike Bitlow, der ein simuliertes Original von Jacksen Pollock "This is not a Pollock" betitelt, diese Künstler des Simulakrum praktizieren in der Bildenden Kunst was ein britisches Musikerkollektiv in seiner Sparte noch einen Schritt weiter treibt. Es sampelt sich selbst, detailgetreu und unter Auslöschung des Originals. "The Mafia" bringen LP's doppelt auf den Markt. Der Unterschied liegt allein in der Unterschrift, im Gruppennamen. So erscheinen am selben Tag zwei identisch klingende Platten. Auf der einen steht "The Mafia", auf der anderen "Take cat". Das gleichzeitige Auftauchen in den Regalen führt dabei jede Diskussion von wegen Original und Kopie ad absurdum. Ebenso die Idee von der Abgeschlossenheit eines Werkes.
Ed Tomney, der Sound- und Raiokünstler und sanften Sampler wie er sich selbst bezeichnet, beklagt die Kluft zwischen den Möglichkeiten der Technologie und ihrer beschränkten Anwendung durch viele Künstler. Ein Großteil von ihnen schreibe keine eigenen Programme, gebe sich mit den von der Musikindustrie vorgefertigeten Standardsounds zufrieden und zeige überhaupt erstaunlich geringe Lust am Basteln und selber erfinden. Mit der aufregenden Erforschung von Theorie und Praxis geht auch eine wachsende Banalisierung und Kommerzialisierung der Samplingtechnologie einher. Eine dieser Technologie wahrscheinlich innewohnenden Kommerzialisierung, die positiv betrachtet auch Demokratisierung heißen kann, denn via Computer und Modem können sie sich die Songs der Weltprofis ins Heim holen und diese nach Lust und Laune weiterverarbeiten. Vorausgesetzt sie investieren das nötige Kleingeld um z.B. in der Max Syndbank eines US-Telekommunikationsnetzes zu stöbern. Anruf genügt. Es meldet sich dann die Zweigstelle München. "Wenn sie in der Datenleitung drin sind, wird keine Sprache mehr übers Telefon verschickt, sondern Computerdaten. Schließen sie einen x-beliebigen Computer an und sie sind dann mit ihrem Computer an der Zentrale angeschlossen. In dieser Zentrale liegen verleichbar mit einer Schublade Klänge bereit, die sie sich als digitale Daten über das Telefon nach Hause holen können. Die digitalen Klangdaten kommen dann in ihrem Computer an und sie können dann über Midi - das ist eine Musikercomputerschnittstelle - den Klang aus dem Computer in ihren Syntheseizer einspielen." Ed Tomney hat recht. Herby Hankock werkt kreativ an seinen Songs, die dann einige Monate später von den diversesten Tonträgern tönen. Der digitale Ausverkauf als sterbenslangweiliges Deja vu Erlebnis.
So wie die einstige Leherb Posterunkultur den Surrealismus bildnerisch verramschte, so verramschen die Massen der Secondhand-Coumputermusikanten die Jahrhundertidee Collage. Gesampeltes Zwischenspiel: Gentechnologie, nasse Computer und das Sampeln von Biomassen. Schon vor 10 Jahren wurde versucht, Computer anstatt auf Silikonchips auf Neuronen zu fundieren. Neuronen sind so chemisch und elektromagnetisch durch Synapsen verbunden, daß sie nicht nur rechnerische Funktionen des menschlichen Gehirns, sondern auch metaphorische Fähigkeiten, also das Herstellen bildlicher Zusammenhänge simulieren können. Seit es gelungen ist eine Computertheorie der Metapher auszuarbeiten, laufen ebenso erfolgsversprechende wie beängstigende Versuche mit sogenannten nassen Computern. Man spricht nicht mehr von Hard- und Software, sondern von Wetware, weil diese Computer in Nährsuppen getaucht sozusagen lebendig sind. Diese Entwicklung hat nach William Flusser ungeahnte Konsequenzen. "Wir werden noch mehr Abstand zu unserem Denken gewinnen, weil eine weitere Denkfunktion aus unserem Schädel auswandert und beobachtet werden kann." Dies sei, so Flusser, ein einzigartiger Schritt in Richtung selbständiger Kreativität von Maschinen.
Der nächste Schritt sei dann der: Das Sampeln von Biomassen - zuerst Kleinstlebewesen, schließlich irgendwann auch Menschen. Der digitale Code ist in unserer Gegenwart zum Aufzeichnungs- und Senderaster aller möglichen Informationen, Ideen, Bilder und Daten, Texte und Klänge geworden und steht dem Bildenden Künstler ebenso zur Verfügung wie dem Literaten oder Musiker, dem Bankier, dem Genforscher und Militärstrategen. Den ersteren als Abfall, den letzteren als macht-politisches Privileg. Künstler, die in dieser globalen Vernetzung forschen, sehen sich - wie der Franzose Louis Beck - unter anderem einem Problem ausgeliefert. "Wenn ich versuche Erkenntnisse zu ästhetisieren, also Quantitäten zu qualifizieren und zugleich Qualitäten zu quantifizieren, dann mache ich die Kunst nicht nur völlig rational, sondern ich mache auch die Vernunft völlig ästhetisch." Louis Beck stellt dem eine von ihm selbst virtuos entworfene Gegennaturgeschichte entgegen, entwirft am Computer fiktive und imaginäre zoologische Systeme und fabuliert streng wissenschaftliche Abhandlungen von ausschließlich in seinem Computer existierenden Tierarten. Andere Künstler wie z.B. Richard Kriesche, Richard Lowenbert oder Roy Ascot, stellen sich in ihrer Arbeit der politischen Realität der vernetzten Systeme. Und wiederum andere wie Henri Chopin, mit seiner konkreten Poesie, erforschen die Mikrostruktur ihrerselbst. Chopin die seiner Stimme. Chopin sampelt eine Kleinsteinheit seiner Stimme - nur einen Vokal - und bauscht sie auf zu einem Fest der stimmlichen Elementarteilchen.

Es kommt immer darauf an, wer was mit einer Banane anfängt, auch wenn sie nicht mehr die allerfrischeste ist. Der amerikanische Sound- und Radiokünstler Charles Amirkanien komponierte sein "Walking Tune" eine Hommage an den Altavandgardisten Percy Granger - mit bescheidener Sampelausstattung und erzielte dabei ein beeindruckenderes Ergebnis als viele seiner Hightech-Kollegen. "Walking tune" eine gesampelte Synthese aus Environment-Sounds und Konzerthausklängen von, so nannte man das früher einmal, Natürlichem und Künstlichem. Ob Gänsegeschnatter oder Geigenseligkeit, dem Sampler ist alles gleich. Null oder Eins. Auch das Radio hat spezifischen Sampelmöglichkeiten wie an der Arbeit "Devils Music" deutlich wird. "Devils Music" ist eine Komposition von Nicolas Collins, die zur Gänze aus gesampelten Radiofetzen besteht, aus Bruchstücken von Hitparade und Nachricht, die als loops - als Schleifen - ablaufen, verkehrt manchmal, zerhackt oft und fast immer verzerrt und komplet durchstrukturiert. Collins arbeitet gern mit klingenden Readymades und hält das Radio für einen unbezahlbaren Syntheseizer und Klanganbieter. Einen den sich trotzdem jeder leisten kann. Collins hat in einer Reihe von Arbeiten die zufällig aus dem Radio kommenden Materalien als Basis seiner Kompositionen verwendet. Ein einfaches elektronisches Gerät erlaubt es ihm dabei, bestimmte Klänge anzuhalten und auszudehnen, um nach weiterem Interessantem zu suchen. Der Gebrauch des Instrumentes Radio umgeht für Nicolas Collins auch die Gefahr eines Klangkolonialismus, da er, wo immer er auch live auftritt, nicht mit vorgefertigten Bändern kommt, sondern die regionalen Stationen nach Material absucht.
Wenn sie glauben daß von Gott bis zum Teufel alles sampelbar ist nur nicht die Liebe, dann haben sie sich getäuscht. Die läßt sich sogar mit dem einfachsten Sampler sampeln.
Ein gesampelter Streifzug durch eine alte Technik und neue Technologie: Sampling. Viele Fragen blieben ungestellt, viele Antworten sprengen längst sämtliche Grenzen zwischen Kunst und Technik. Ist das die neue Renaissance? Und wenn alle allen alles stehlen können, gibt es dann noch Diebe? Eines ist sicher, früher genügte ein Fläschchen gefüllt mit Säure, um ein sogenanntes Kunstwerk zu zerstören. Der Attentäter in der Computerkunst macht es nicht mehr unter einem Sabotageakt im E-Werk.
