KUNSTRADIO


Radio-Kunst bei CFRO Vancouver, II

Gespräche und Ausschnitte aus Werken von Jupitter Larsen und Hank Bull


"The Last Words of Gertrude Stein" von Hank Bull



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A CASSETTE OF THIS PROGRAM CAN BE ORDERED FROM THE "ORF TONBANDDIENST"

Seit 1974 sendet die kanadische Radiostation CFRO für das Stadtgebiet von Vancouver in British Coumbia. CFRO teilt sein Programm grob in 3 Bereiche: die politischen Programme, die sogenannten ethnischen Sendungen - also die Sendungen der vielen verschiedenen Sprachgruppen aus denen sich die Bevölkerung von Vancouver zusammensetzt - und schließlich die Kultur- und Musiksendungen zu denen etwa auch die Sendung Musica Nova oder die Sendung Soundwalking gehören. Nicht ohne Stolz nennt sich CFRO auch Kanadas Audio-Art-Fenster zur Welt. Gibt es bei dieser Station doch schon seit Jahren regelmäßige Sendungen, die der Radio-Kunst gewidmet sind bzw. selbst Radio-Kunst sind. Einer der CFRO-Radiokünstler ist Jupitter Larsen: "CFRO ist eine Kooperative wie andere auch, so wie manche Lebensmittelgeschäfte oder Dienstleistungsbetriebe, die den Leuten gehören, die sie benützen. Jedem gehört gleich viel: so auch bei uns - jeder der beim Radio arbeitet, besitzt einen Anteil. Die Station wird im Kollektiv betrieben, was ist zwar vielleicht nicht immer die effizienteste Art aber eben unsere Art ist."

Unter anderem wird auch in einer eigenen Programmzeitschrift, die den Titel Radio Waves trägt, alljährlich zu einer Generalversammlung aufgerufen, bei der jeder Interessierte, der seit 6 Monaten seinen CFRO-Mitgliedsbeitrag bezahlt hat, für das Kuratorium der Radiokooperative kandidieren kann. Aus Mitgliedern des Kuratoriums und aus Fachvertretern der verschiedenen Sendungsbereiche setzt sich ein Beirat zusammen, der über neue Programmvorschläge und über Ansuchen um Sendezeit befindet. Die Grundsätze, die der Sendezeitverteilung - sie geschieht immer auf 3 Probemonate - zugrunde liegen, werden in der Zeitschrift so erläutert: "Unsere Hauptaufgabe ist es, Leuten die keinen Zugang zu den Massenmedien haben, eine Stimme zu verleihen.Im Bereich der politischen Sendungen heißt das, daß wir Bewegungen wie denen der Frauen, Gewerkschaften, der für den Frieden, den Ökologiebewegungen, der Homosexuellen, der norkamerikanischen Indianern, den lateinamerikanischen Bewegungen und in letzter Zeit auch der der Palestinenser Sendezeit zusprechen. Was unsere kulturellen Programme betrifft, so setzten wir uns lieber für solche Künstler und Stilrichtungen ein, die im kommerziellen Radio keinen Platz finden, als für Pop und Disco. Die Sendungen in den Sprachen verschiedener Volksgruppen sollen die Erfahrungen dieser Menschen in British Columbien widerspiegeln und ihren Schriftstellern, Musikern und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten verschaffen. Vor allem aber streben wir ein Programm an, daß nicht rassistisch, nicht sexistisch und nicht gegen bestimmte Altersgruppen gerichtet ist."

Finanziert wird CFRO aus Mitgliedsbeiträgen, aus Spenden und aus Subventionen. Zweimal im Jahr gibt es ein sogenanntes Fund Raising Marathon, wo in allen Sendungen um Spenden und neue Mitglieder geworben wird. Die Mitarbeiter von CFRO sind Voluntäre, das heißt sie arbeiten ohne Bezahlung. "Es ist eine Koopreative mit sehr kleinem Budget. Unsere Geräte brechen manchmal zusammen, die technische Ausrüstung ist nicht einmal aus zweiter oder dritter Hand, sondern stammt von irgendwelchen öffentlichen Sendeanstalten. Wir versuchen die Maschienen zu reparieren. Alles bei uns wird so zu sagen mit Tixoband und Büroklammern zusammengehalten. Aber was dann als Resultat zuhören ist, ist im Regelfall doch von einiger Qualität. Die Leute nehmen die Sache sehr ernst, schließlich ist es auch in Kanada und den USA nicht so selbstverständlich, daß man Zugang zu Massenmedien hat."

Seit 1983 steht einmal in der Woche um 11 Uhr abends die Sendung "New Sound Gallery" auf dem Programm von CFRO. Die Sendung ist im wahrsten Sinne des Wortes das Werk eines Künstlers. Gemeint ist Jupitter Larsen.Im Kunstbetrieb zeigt er sich kaum. Aber wenn er sich zeigt, ist er nicht zu übersehen: ganz in Schwarz, gern in Leder, oft mit fast kahlem Kopf und einer schwarzen Augenklappe wirkt er eher wie ein Kunstpirat als wie ein langjähriger Mitarbeiter einer Kooperative. Über die Sendung New Sound Gallery meint Jupitter Larsen: "Die Sendung hat ein offenes Ende, weil sie die letzte im Programm ist. Sie kann 3,4 oder auch 5 Stunden dauern. Sie hat meistens die Form einer Collage. Manchmal ist sie als Talkshow angelegt und manchmal als eine Art Hörspiel, oder sie besteht aus einer fast zufälligen Ansammlung von Soundpoetry. Dann wieder handelt es sich wieder um Klangskulpturen. Alles ist möglich, es kommt darauf an welcher Gesamteindruck erreicht werden soll. In der Regel läuf die Sendung so ab, daß die einzelnen Klangstücke gar nicht angesagt werden. Wenn dazwischen gesprochen wird, dann über Dinge, die überhaupt nichts mit dem Stück zu tun haben. Ich versuche das Publikum immer in einem Zustand der Unsicherheit zu halten, in dem es sich immer wieder die Frage stellt, was das eigentlich ist, was da aus dem Radio kommt. Der allgemeine Eindruck, die eigentliche Wirkung, die von so einer Sendung ausgehet nenne ich Reinformation, bei der Bekanntes eine neue Bedeutung bekommt oder etwas ganz Neues mit einer bekannten Bedeutung versehen wird. Für die Sendung heißt das, die Dinge so zu präsentieren, daß die Leute nicht sofort wissen, worum es sich handelt. Man kann Information zur Skulptur verarbeiten, man kann sie neu arrangieren, man kann sie schmelzen, brennen, etwas ganz Neues aus ihr gestalten. Ich behandle Information als Rohmaterial und forme sie so um, daß sie etwas anderes bedeutet oder als etwas anderes erscheint als ursprünglich."

Jupitter Larsen findet logischer Weise daß das wichtigste an der Radiokunst ist, daß sie gesendet wird. Radio-Kunst ist aber nur ein kleiner Teil der künstlerischen Tätigkeit von Jupitter Larsen. Er schreibt, zeichnet, arbeitet in Computernetzen und macht unter dem Namen "The Haters" Performances und Schallplatten, wie z.B. die Platte "In the Shade of Fire", die Beispiele von Larsens Audio-Art enthält: "In meiner Arbeit nehme ich gerne die Klänge von Zerstörung, stelle sie in einen neuen Zusammenhang, weg vom Akt der Zerstörung, sodaß sie eine neue Bedeutung bekommen. Es handelt sich also wieder um Reinformation. Auch wenn es sich um die Geräusche von sehr gewaltsamen Vorgängen handelt - wie Autounfälle, Brände oder zerschlagenes Glas - werden diese Geräusche aus dem Zusammenhang genommen und so arrangiert, daß sie fast eine elegante Wendung nehmen. Es ist eigentlich eine Zerstörung der Zerstörung."

Mit einer ganz klaren, sozusagen der populär Kultur entnommenen Sendungsform - einer wöchentlichen 90 Minuten Unterhaltungsshow - haben zwei Künstler aus Vancouver Radio-Kunst-Geschichte gemacht. Die Sendung lief Jahrelang ohne eine einzige Wiederholung. Sie war meistens live und wurde immer von den selben zwei Stimmen gertagen. Den Stimmen von Hank Bull, der 1987 an der Dokumenta in Kassel teilgenommen hat, und Patrick Ready. Der Kurztitel der Sonntagabend-Sendung lautete HP-Show. Hank Bull sagt über die Sendung: "Wir begannen die HP-Show 1976 mit der ausdrücklichen Absicht, Radio-Kunst zu machen. Mit der Absicht in eine gegebene gesellschaftliche Institution einzudringen - in diesem Fall die Institution Radio - und diese Institution zum Ort von Kunst zu machen. Unsere Vorstellung war, daß es sich dabei um eine Kunst handelt, die nicht durch den Kunstbetrieb hindurch muß, sondern direkt von den Künstlern, den Produzenten, zu den Hörern gelangt. Kunst war immer ein Abenteuer der Vorstellungskraft, eine Erforschung verschiedener formaler, technischer und emotioneller Möglichkeiten." Für Hank Bull ergeben sich auch keine besonderen Unterschiede zwischen der Radiokunst und der Malerei, Video oder irgendeiner einer anderen Kunst. Allerdings betont er den gesellschaftlichen Aspekt der Radiokunst: "Es handelt sich um Kunst im öffentlichen Raum, um Kunst für jedermann. In der HP-Show wurde das Wort Kunst nie erwähnt, es wurde gar nicht über Kunst gesprochen, selbst dann nicht, wenn ein Künstler interviewt wurde. Kunst wurde verkleidet oder in etwas anderes umgesetzt. Radiokunst das bedeutete den Gebrauch von Soundeffekts, von Telefon, das Schreiben von Hörspielen, das Spielen von Musik, das improvisieren im Studio, das interviewen von Gästen, Live-Aktionen. Radio war für uns nicht einfach der Ort an dem man Laury Anderson-Clips anpreisen oder Audio-Art-Stücke vorstellen konnte. Wir sahen uns nicht als Discjokeys und unsere Sendung nicht als eine Sendung über Kunst. Die HP-Show war selber Kunst." Die Sendung wurde zur Abendessenszeit am Sonntagabend ausgestrahlt. "Die Vorstellung war also, daß die Leute beim Essen saßen und aus dem Radio hörten, wie man Eier mit Hilfe des Sonnenlichtes kocht oder wie Kartoffel schneller gar werden, indem man Gabeln in sie hineinsteckt und viele andere wissenschaftliche Kochideen dieser Art. Es gab keinen ausdrücklichen Versuch an eine bestimmte ästhetische Tradition anzuknüpfen, obwohl wir sehr von den Vorstellungen der Dadaisten beeinflußt waren. Zudem zählten wir zu einer ganzen Bewegung von Künstlern die sich der Performance zuwendeten."

Tatsächlich haben Hank Bull und Patrick Ready schon Performances gemacht bevor sie im Radio auftraten. Ja sie wurden aufgrund ihrer Performances überhaupt erst eingeladen bei der Radiostation CRFO mitzumachen, denn die Performances hatten bereits die Form von Hörspeilaufnahmen. Die Akteure, darunter die beiden Künstler, agierten immer an einem langen Tisch mit allerhand Utensilien zur altmodischen Erzeugung von Geräuschen. Hank Bull: "Wir haben die HP-Show von Anfang an als bildende Kunst betrachtet und ich halte Radio immer noch für eine visuelle Kunst. Man spricht von einem geistigen Auge: der Hörer hört z.B. einen Sack, der auf den Boden fällt. Dazu visualisiert er einen toten Körper, eine Leiche, die vom Tisch gestoßen wurde. Auch bei den Live-Performances ergaben sich Ähnlichkeiten zur Konzeptkunst. Was das Publikum auf der Bühne sah, waren ein paaar Leute in ganz normalen Kleidern, die Papiere in der Hand hielten und sprachen und zwar vor einem langen Tisch, der mit allerlei Zeug bedeckt war, mit dem man verschiedene Geräusche erzeugen konnte. Aber gleichzeitig sah dieses Publikum vor seinem geistigen Auge etwas ganz anderes: es sah Cowboys die auf Pferden über eine weite Ebene ritten oder Piloten in ihren Flugzeugen oder was auch immer. Auf jenden Fall aber liefen in den Köpfen des Publikums 2 visuelle Ereignisse gleichzeitig ab." Eine der HP-Shows spielte sich zur Gänze unter Wasser ab und enthielt unter anderem die historische Aufnahme der ersten Zigarette, die im Radio unter Wasser geraucht worden ist.

Eine der erfolgreichsten Elemente der HP-Show war eine Kurzhörspielserie, die sich über Jahre hinzog. Sie wurde schließlich von einer amerikanischen Fernsehanstalt imitiert."Die Serie nannte sich Kapitän Bonnert, Kapitän Lafarge und Caroline im Weltall. Ich war Kapitän Bonnert und imitierte dazu die Stimme von William Burroughs. Kapitän Lafarge wurde von Patrick Ready gespielt und zwar mit einem texanischen Akzent. Zu den beiden Kapitänen gesellte sich Caroline, eine schwarze Bedienerin. Sie befand sich untem im Maschienenraum, denn Kapitän Bonnert erlaubte ihr nicht herauf zu kommen und durch das große Weltraumfenster zu blicken. Aber sie hatte beim Aufräumen unten die neuen Anweisungen gefunden und sie weigerte sich diese neuen Befehle an die Kapitäne weiterzugeben, solange sie nicht auch nach oben kommen durfte. Das Resultat war, daß das Raumschiff sich schon längst außerhalb des Universums befand. Jede Woche gab es ein sehr banales Abenteuer: die drei stritten miteinander, irgendein Gerät funktionierte nicht, eine Pflanze mutierte oder einer mußte einen Raumspaziergang machen. Das Ganze entwickelte sich zu einem größeren Werk, denn 2,3 Jahre lang gab es wöchentlich bis zu 15 Minuten aus dieser Serie. Alles lief wunderbar bis eines Tages im amerikanischen Fernsehen diese Serie Schweine im Weltall auftauchte mit 3 Figuren die eine genaue Kopie unserer Figuren waren. Später hörte ich dann, daß die Fernsehleute ihre Ferien in Vancouver verbracht hatten, sodaß es ihnen leicht möglich gewesen war, die HP-Show zu hören."

In den letzten Jahren wurde die HP-Show eingestellt, da die beiden Künstler Hank Bull und Patrick Ready viel Zeit im Ausland verbrachten. Während die HP-Show eigentlich schon der Geschichte angehört, zieht das Interesse an Jupitter Larsens wöchentlicher Sendung New Sound Gallery immer weitere Kreise. Jupitter Larsen: "Radio ist ein großartiges Medium vor allem weil dabei so viel vom Hörer abhängt. Manche Ausgaben der New Sound Gallery waren sehr minimal z.B. gab es einmal eine 4 Stunden lange Aufnahme eines Wasserfalles - ohne irgendeine Unterbrechung." Die bis zu 5 Stunden die die Sendung New Sound Gallery allwöchentlich dauert, füllt Jupitter Larsen natürlich nicht immer mit stundenlangen Soundradiments. Er kann aus einem geradezu unerschöpflichen Schatz an Audio-Art-Beispielen aus aller Welt schöpfen, die ihm tagtäglich auf dem Postwege als Kasetten zugeschickt werden. "Es gibt ein globales Netz von Leuten die untereinander Kasetten austauschen. Das ist eine billige aber sehr effektive Art Audio-Information zu veröffentlichen. Für mich ist dieses Kasettennetz eine ständig sprudelnde Quelle an Material für meine Sendung.Das Kasettennetz ist eine Weiterentwicklung der Mail-Art, auch insofer, als auch die Mail-Art ein geschlossener Kreis war. Denn auch wenn es manchmal Ausstellungen gab, sah man sehr selten etwas davon. Das Kasettennetz hingegen ist zum Radio hin offen. Viele der Beteiligten haben Zugang zu Radiosendungen oder haben selbst Sendungen. Es gibt also diese Öffnung zum Zufallshörer hin, der an seinem Radio dreht und zufällig etwas hört, was irgendjemand auf der Welt einem anderen mit der Post geschickt hat."

Die Arbeit von Hank Bull für das Amsterdamer Festival "Talking back to the media" trägt den Titel "The Last Words of Gertrude Stein" und besteht aus übereinandergeschichteten Fragen, gestellt in 12 verschiedenen Sprachen. "The Last Words of Gertrude Stein" bezieht sich auf folgende Anektote: Als sie auf dem Totenbett lag, wurde Gertrud Stein mit der Frage konfrontiert "Wie lautet die Antwort". Sie entgegnete "Wie lautet die Frage?".


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1988 CALENDAR 1